Ghost Dog
Regie: Jim
Jarmusch
mit Forest Whitaker, John Tormey, Cliff Gorman, Henry Silva, Isaach de Bankolé, Tricia Vessey
(USA, Frankreich, BRD 1999, 116 Min.)
Irgendwo muss man anfangen, also warum nicht
beim Hauptdarsteller? Jim Jarmusch hat es schließlich auch so
gemacht: "Die Arbeit zu Ghost Dog' begann damit, dass ich
eine Rolle für Forest Whitaker schreiben wollte. Ich dachte
darüber nach, welche seiner Qualitäten ich besonders mag. Da
war zum einen seine sanfte Art, andererseits ist er so eine
große Erscheinung. Ich wollte diese Eigenschaften bündeln.
Deshalb dachte ich an einen Krieger."
Es wurde ein moderner Samurai: Ghost Dog,
der zarte Killer, der im Mittelpunkt von Jarmuschs achtem Film
mehr ruht als steht. Whitaker bewegt sich wie ein
Schokoladentrüffel, also gar nicht. Er scheint vielmehr zu
schmelzen: die nächtlichen Straßen von Los Angeles hinab,
durch seine Trainingsübungen mit dem Schwert, hinein in die
Gespräche mit seinen wenigen Freunden und seinem Arbeitgeber.
Selbst wenn der Koloss sein, wie man im Militärjargon sagt,
"Soft Target" trifft, wirkt das befremdlich richtig:
als wäre die Kugel, die in den Schädel einschlägt, ein Stück
Gummi, das eine Lücke in der Welt schließt. Schön.
Dazu gäbe es mehr zu sagen, aber dies ist
der dritte Absatz, und da kommt spätestens die Inhaltsangabe.
Machen wir's kurz: Ghost Dog ist ein Mörder, der für eine
heruntergekommene Mafia-Bande Aufträge erledigt. Nicht nur für
Geld, auch aus Dank: Einer der Mafiosi hat ihm mal geholfen. Die
Dankbarkeit ist letztlich allerdings einseitig: Nach einem Job
soll der Killer selbst gekillt werden, was zu einer
Auseinandersetzung und auch zum Schluss führt. Die Story ist
deutlich dünner als die Hauptfigur, geballert wird kaum, und
wer coole Sprüche a la "Pulp Fiction" sucht, muss
zurück in die 90er.
Doch das macht überhaupt nichts, im
Gegenteil: Obwohl sich Jim Jarmusch von Jean- Pierre Melvilles
Samurai-Killer-Klassiker "Der eiskalte Engel"
beeinflusst fühlt, ist seine Variation des beliebten Themas
kein übliches Nacherzählen. Hier ist vielmehr der Weg das
Ziel. Während der stille Mörder aus seiner persönlichen
Bibel, dem japanischen "Hagakure", den Weg zur Einheit
lernt - der Einheit des Menschen, der Welt, des Samurai, von
allem eben - macht der Film vor, wie es geht: Bilder, Musik und
Bewegungen verschmelzen zu einem langsamen, weichen Ganzen, das
weniger erzählt, als da ist. Wie das Licht, wie die Welt, wie
die Liebe. Zusammengehalten wird der lange, ruhige Fluss von
zwei entspannten Polen: Forest Whitaker, der Trüffel in der
Sonne. Und von der Musik. Die klingt genau so, wie sich Whitaker
bewegt: Auf Gummi-Beats rollen Melodien und Geräusche langsam
und mühelos dahin, ein wenig leiser Lärm trifft auf ein wenig
feine Schönheit, und gemeinsam tanzen sie Tai Chi zum TripHop.
Komponiert wurde der dunkle Groove von RZA, Mitglied der
US-HipHop-Stars Wu-Tang Clan: "Ich wusste, dass die Musik
von RZA sein sollte, bevor ich die Story geschrieben
hatte", erzählt Jarmusch. "Es hilft mir, wenn ich die
Geschichte noch nicht kenne, aber schon eine Vorstellung von der
Musik habe. Musik ist für mich die wunderbarste Form des
Ausdrucks."
Auseinanderdriftende Teile eines Films
mittels Musik zu einer Einheit zu verkleben ist weder eine
besonders seltene noch elegante Methode. Doch was soll man
dagegen sagen, wenn das Ergebnis so nahtlos und perfekt ist wie
hier? Wenn Ghost Dog in gespenstischer Ruhe ein Auto knackt, mit
einer einzigen gelassenen Bewegung eine CD in die Anlage schiebt
und dann zu dunkel wummerndem HipHop wie gegossen durch Nacht
und Neon fährt, eröffnet sich eine bruchfreie
Bild-und-Ton-Sinfonie. Dazu tragen natürlich auch die Bilder
von Kameramann Robby Müller bei: Sie rollen und rotieren wie
die Musik, fließen ineinander wie Whitakers Bewegungen, sind
dunkel und weich, wie die Figur Ghost Dog. Und langsam, so
langsam. Wie überhaupt alles, was richtig und gut ist.
Jarmuschs Stil, durch einen Verzicht auf
Präzision die Emotionen zu verstärken, reicht bis in die
Dialoge: Ghost Dog spricht nur Englisch, sein bester Freund, der
Eisverkäufer Raymond (Isaach de Bankolé), nur Französisch.
Das Einverständnis und die Nähe der beiden stört das aber
überhaupt nicht. Das beruht auf Erfahrungen des Regisseurs:
"Ich habe oft mit Schauspielern gearbeitet, deren Sprache
ich nicht spreche. Aber durch die Art, wie es klingt, wenn sie
reden, erkennt man viele Emotionen. Sprache ist eine wichtige
Form des Ausdrucks, aber nicht die einzige."
Film wäre eine andere. Soll man dazu noch
etwas sagen? Oder sollte man vielleicht lieber etwas singen?
Tanzen? Kochen? Ghost Dog würde zu dieser Frage lange einen
fernen, imaginären Punkt ansehen, den Arm zum Gruß
hinaufschmelzen lassen und dann die Straße hinabfließen.
Vielleicht ist das genug.
Peter Lau / Cinema