Biographie:
Sohn des Dichters Arsenij Tarkowskij; nach
der Scheidung der Eltern arbeitet seine Mutter Maja Iwanowna
Wischnijakowa als Korrektorin in einer Druckerei. Ab 1951
Studium in Moskau am Institut für östliche Sprachen, das er
aber wieder abbricht. Ein Jahr lang Mitarbeiter des kirgisischen
Gold-Instituts, für das er geologische Studien anfertigt. 1954
Aufnahme an die Moskauer Filmhochschule WGIK, wo Michail Romm
sein wichtigster Lehrer wird. Auseinandersetzung mit dem Werk
von Luis Buñuel, Ingmar Bergman, Akira Kurosawa, Kenji
Mizoguchi, Federico Fellini, Robert Bresson, Michelangelo
Antonioni, Charlie Chaplin, Alexander Dowshenko und Otar
Iosseliani. 1961 Abschlußfilm "Katok i Skripka"
("Die Walze und die Geige"), in dem nicht nur viele
seiner Motive anklingen, sondern auch die lebenslange
Auseinandersetzung mit der sowjetischen Kulturbürokratie
beginnt. Im selben Jahr erhält Tarkowskij von Mosfilm den
Auftrag, anstelle von E. Abalow das Filmprojekt "Iwans
Kindheit" zu realisieren. Die expressive Schilderung der
Kriegserlebnisse eines zwölfjährigen gerät zur Sensation;
1962 erhält der Film in Venedig einen Goldenen Löwen. 1964
Dreharbeiten zu "Andrej
Rubljow" (Drehbuch gemeinsam mit A.
Michalkow-Kontschalowskij), die sich bis Ende 1965 hinziehen.
Die heftige Kritik staatlicher Stellen an der Lebensgeschichte
des russischen Ikonenmalers zwingt Tarkowskij zur Überarbeitung
(er kürzte den Film von 220 Min. zunächst auf 194, später auf
185 Min.), ohne sich den inhaltlichen und ästhetischen
Vorwürfen zu beugen. Die Folge ist ein jahrelanger,
zermürbender Kampf mit den Behörden; gegen deren Willen läuft
"Andrej Rubljow"
1969 schließlich in einer Nebenreihe in Cannes (1971 kommt er
in die sowjetischen Kinos; 1973 wird er für den Export
freigegeben). Um Reibereien mit den Kulturfunktionären zu
entgegen, die in Tarkowskijs grüblerisch-mediativem Filmstil
Subjektivismus wittern, wendet er sich dem SF- Roman
"Solaris" von Stanislaw Lem zu, der 1972 in Cannes mit
dem Preis der Jury geehrt wird. Mit "Der Spiegel",
seinem formal komplexesten und autobiografischsten Film (1975),
ist der Burgfriede mit der Bürokratie allerdings wieder
aufgehoben. Trotzdem erhält er 1977 die Erlaubnis, "Stalker"
nach Motiven eines SF-Romans der Brüder Strugatzkij zu drehen,
der 1979 fertig wird und in Deutschland die fast kultische
Tarkowskij-Rezeption begründet. Als die Vorarbeiten zu "Nostalghia"
(1983) wieder zur erdrückenden Geduldsprobe werden, bittet er
in Italien um politisches Exil. Obwohl Tarkowskij nun in seiner
Kreativität nicht mehr gegängelt wird und seine Filme auf hohe
Resonanz stoßen, fühlt er sich in der Emigration nie wohl.
Sein ruheloses Wanderleben durch die europäischen Metropolen
(Paris, London, Berlin) gleicht auf erschreckende Weise der
Unrast seiner Hauptfigur aus "Nostalghia", die unter
starkem Heimweh leidet und vor ihrer Rückkehr nach Rußland
stirbt. Als die Dreharbeiten zu "Opfer" (1986)
beginnen, ist Tarkowskij bereits an tödlichem Lungenkrebs
erkrankt. 1985 veröffentlicht er die Aufsatzsammlung "Die
versiegelte Zeit", in der er seine Gedanken zur Ästhetik
und Poetik des Films niederlegt. Posthum werden Auszüge aus
seinen Tagebüchern ("Martyrolog I und II") sowie
Drehbücher und verschiedene Treatments publiziert. In der
Sowjetunion erfährt sein Werk unter Gorbatschow eine neue
Würdigung, die zahlreiche Schüler und Epigonen auf den Plan
ruft. Doch ist Tarkowskij ein ebenso genialer wie einsamer
Solitär, dessen künstlerisches Schaffen aus dem quälenden
Ringen mit seinen inneren Widersprüchen erwächst. Unter dem
Einfluss der deutschen Romantik und ihrer russischen Renaissance
um die Jahrhundertwende verfolgt er ein kompromissloses,
radikales Kunstideal, das in der Kinematografie einen Weg sieht,
den Zuschauer mit existentiellen Fragen in Berührung zu
bringen. Seine Filme gleichen deshalb nur an der Oberfläche
traditionellen Kinoerzählungen. Ihre unverwechselbare
Bildersprache mit stark assoziativ-kontemplativen Momenten
versucht vielmehr eine dichte, poetisch- emotionale Atmosphäre
zu schaffen, die ähnlich wie die orthodoxen Ikonen eine Art
"Fenster" zum Absoluten aufstoßen soll. In der
seelischen, nicht diskursiven Kommunikation mit Kunstwerken, so
Tarkowskijs Überzeugung, lasse sich an Regionen rühren, die im
Zuge der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung
verlorengegangen sind. Obwohl eine solche
"spirituelle" Ästhetik in manchen Kreisen der
Filmkritik als vormodern abgetan und Tarkowskij zum
"Metaphysiker" abgestempelt wurde, zählen seine
enigmatisch-rätselhaften Filme zu den unwidersprochenen
Meisterwerken der Filmgeschichte.
Filmographie:
1985 Opfer Buch,
Regie, Schnitt
1982 Nostalghia Buch,
Regie
1979 Vorsicht, Schlangen! Buch
1978 Stalker Regie
1975 Der Spiegel (1975) Buch,
Regie
1972 Solaris Buch,
Regie
1966 Andrej Rubljow Buch, Regie
1962 Iwans Kindheit Regie
Quelle: Lexikon des internationalen Films
1999/2000 (CD-ROM) Copyright 1999 Systhema Verlag, München